Carsten Schmitt

It was a sharp and thorny night

Phantastik — Flucht oder Ausbruch?

Ich gebe zu, wenn ich derzeit einen Blick auf die Nachrichten werfe, verzweifele ich oft. Ich frage mich, ob die Menschheit endgültig übergeschnappt ist. Dinge, die ich in meinem (zugegeben privilegierten) Leben lange als gegeben erwarten konnte, werden in Frage gestellt. Die demokratische Grundordnung in Deutschland etwa, wenn „normale“ Parteien sich ernsthaft Gedanken darüber machen, ob und, wenn ja, wie sie mit Faschisten kooperieren können. Weltweit müssen wir zusehen, wie die Menschheit vor der größten Aufgabe der heutigen Zeit, dem menschengemachten Klimawandel, mit allen ökologischen, sozialen und politischen Folgen, zu versagen scheint.
Teile der politische Kaste, die lange die angebliche Gleichgültigkeit der jüngeren Generationen beklagte, machen das Engagement von Kindern und Jugendlichen verächtlich, behandeln sie mit Herablassung, oder halten es gar für nötig, sich an einer Teenagerin aus Schweden abzuarbeiten, anstatt einmal zuzuhören (wirklich zuzuhören!), was sie sagt.
Ist tatsächlich alles schlimmer geworden, als „früher“? Dreht die Welt sich schneller, oder bin ich mit zunehmendem Alter einfach langsamer geworden und verstehe die Welt nicht mehr, in der ich lebe? Darauf gibt es keine einfachen Antworten. Ich weiß nur, dass wegschauen keine Lösung ist. Ständiges Hinschauen aber ertrage ich ebenso wenig.
Als ich, zusammen mit meinen Freunden der „Saarphantasten“, einem losen Zusammenschluss von Phantastik-Autor*innen aus meiner saarländischen Heimat, letztes Jahr in der Stadtbücherei in St. Ingbert eine gemeinsame Lesung hatten, schlossen wir den Abend mit folgenden Worten. Ich möchte sie an dieser Stelle noch einmal wiedergeben. Mir hilft der Grundgedanke, der darin steckt, und vielleicht geht es Euch ähnlich.

Der Phantastischen Literatur wird oft vorgeworfen, sie sei nur eine Flucht vor der Realität, also reiner Eskapismus.
J.R.R. Tolkien sagte dazu, die Einzigen, die Angst vor Eskapismus hätten, seien die Gefängniswärter.
Michael Moorcock, ebenfalls Fantasyautor und bekennender Tolkien-Kritiker, erwiderte: Wärter fürchten nicht den Eskapismus, sondern den Ausbruch.
Wir glauben, beide hatten Recht. Wenn wir Euch heute Abend etwas Erholung von der Welt da draußen verschaffen konnten, haben wir unser wichtigstes Ziel erreicht. Doch wir würden uns freuen, wenn ihr die gewonnene Energie nutztet, um auszubrechen. Auszubrechen aus dem Trott, in dem es scheint, als könne der Einzelne nichts ändern, weder an der eigenen Situation, noch an der Welt um uns herum.
Die Phantastik inspiriert uns, uns andere Welten zu erdenken, und die Realität nicht als unveränderbar hinzunehmen.
Wenn ihr also morgen, hoffentlich etwas erholter, aufsteht, überlegt Euch, was ihr ändern könntet: Seid ohne Grund nett zu einem Fremden. Widersprecht, wenn Andere—bewusst oder unbewusst—Hass und Angst in unserer Gesellschaft schüren. Oder stellt Euch an die Seite der für den Klimaschutz streikenden Schülerinnen und Schüler.
Was auch immer, lasst Euch nicht sofort wieder vom Trott der Realität unterkriegen.

Saarphantasten, st.ingbert, 2019

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When We Were Shortstoryless

  1. „Fantasy ist eskapistisch, und das ist ihre Stärke. (…) Die Geldleiher, die Ignoranten, die Autoritären haben uns alle eingesperrt; wenn unsere Freiheit in Geist und Seele uns etwas wert ist, wenn wir für diese Freiheit einstehen wollen, dann ist es auch unsere Pflicht, auszubrechen, und so viele Leute mitzunehmen wie nur möglich.“ Das sagte die Grande Dame der Phantastik, Ursula K. LeGuin.

    Ich war erst kürzlich auf einer Phantastiktagung in Wolfenbüttel, auf der es u.a. um genau dieses Thema ging. Christine Lötscher von der Uni Hildesheim hielt einen Vortrag, und ich erinnere lebhaft einen Satz, den sie sagte. Sinngemäß ging er so: „Wenn es ein Wort gibt, das die Phantastik nicht kennt, dann ist es Alternativlosigkeit.“ Einher damit ging (so verstand ich es) ein Aufruf, neue Welten zu entwerfen, um diese unsere besser zu machen. In Verbindung mit der Aussage des Key Note-Sprechers Prof. Ulf Abraham aus Bamberg, der meinte, seit den Achtziger Jahren gäbe es keine wirklich utopische Literatur mehr, macht das einen ganz neuen Raum der Verantwortung für phantastische Autor*innen auf, denke ich.

    • CS

      Danke, Kathrin, den kannte ich von UKL noch nicht, aber es passt zu ihr. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an ihre wunderbare Rede bei den NAtional Book Awards.
      https://www.youtube.com/watch?v=Et9Nf-rsALk
      Es ist schade sie verloren zu haben, eine Stimme wie ihre wird uns noch fehlen in nächster Zeit.

      „[…]all the writers who were excluded from literature for so long, my fellow authors of fantasy and science fiction – writers of the imagination, who for the last 50 years watched the beautiful awards go to the so-called realists.
      I think hard times are coming when we will be wanting the voices of writers who can see alternatives to how we live now and can see through our fear-stricken society and its obsessive technologies to other ways of being, and even imagine some real grounds for hope. We will need writers who can remember freedom. Poets, visionaries, the realists of a larger reality.“

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