It was a sharp and thorny night

When We Were Shortstoryless

Eine deutsche Science-Fiction-Autorin wird in LOCUS geehrt… und keiner kriegt’s mit.
Zu Beginn eines jeden Jahres veröffentlicht die US-Fachzeitschrift Locus Magazine eine ausführliche Liste mit Empfehlungen der lesenswertesten Bücher, Erzählungen und Sachtexte des Phantastischen Genres.
Dieses Jahr hat es Simone Heller auf die LOCUS Recommended Reading List 2018 geschafft, und zwar mit ihrer Erzählung „When We Were Starless“ , die in Clarkesworld Magazine und damit in einer der angesagtesten Zeitschriften für spekulative Literatur überhaupt erschienen ist.
Das ist eine verdammt tolle Sache und ich freue mich für Simone Heller, die als Nicht-Muttersprachlerin mit TAOS TOOLBOX und VIABLE PARADISE auch zwei bekannte Schreibworkshops in den USA absolviert hat.

Gleichzeitig wirft das aber auch ein Licht auf den desaströsen Zustand des Kurzgeschichtenmarkts in Deutschland. Ich frage mich, wie Simone Hellers Story wohl in Deutschland ankommen würde. Wäre ein Kurd-Laßwitz-Preis drin, oder der Deutsche Science Fiction Preis?
Eine völlig müßige Frage, denn dafür müsste sie überhaupt mal hier erscheinen. Nur wo? Wie sollte sie denn in Deutschland ein größeres Publikum erreichen?
Ich weiß von mindestens zwei professionell tätigen deutschen Genre-Autoren, die klar sagen, dass sie sich mit Kurzgeschichten nicht abgeben, weil es sich nicht lohne. Jetzt mag man gegen die bösen Lohnschreiber wettern, die sich weigern „für die Kunst“ zu leiden. Sicher, wer schreibt, tut dies in erster Linie aus Spaß an der Arbeit, denn reich wird man entgegen der landläufigen Meinung damit so gut wie nie. Aber auch Künstler möchten gerne mal essen, die Heizung anschalten, oder Benzin in den Tank des Autos laufen lassen.
Mir fallen in Deutschland ganze zwei Möglichkeiten ein, wo man mit SF/F-Kurzgeschichten ein nennenswertes Honorar verdienen kann (Namentlich sind das die Stories in der Computerzeitschrift c’t und die Stellaris-Geschichten als Beilage zu Perry Rhodan. Beide sind aber thematisch recht fokussiert.) Woran liegt das? Sind die Lesegewohnheiten hier wirklich so anders? Denn hört man den Verlegern zu, verkaufen sich Anthologien praktisch gar nicht, und selbst kostenlose Angebote im Web laufen nicht besonders gut.
So bleiben denn die Zeitschriften und Geschichtensammlungen meist das Metier von Klein- und Fanverlagen–mit viel Herzblut gemacht, aber letztlich ohne große Resonanz.
Gehen bei uns wirklich nur telefonbuchdicke, mehrbändige Zyklen?(„Telefonbuch, das“: Kinder, fragt Eure Eltern) Und wenn ja, warum? Ich habe keine Antwort darauf, nicht mal eine halbwegs fundierte Vermutung. Ich glaube aber, dass uns damit etwas fehlt. Im anglo-amerikanischen Raum zählt es nach wie vor zum normalen Werdegang eines Autors, sich die Sporen mit kürzeren Texten zu verdienen. Auch wenn die Anforderungen bei Romanen und Kurzgeschichten andere sind, der Vergleich also hinkt, so denke ich, dass die Beschränkungen kürzerer Erzählungen helfen, das erzählerische Werkzeug auch für längere Texte zu verfeinern.
Ob man lieber Kurzgeschichten und Erzählungen oder dicke Romane liest (oder schreibt), mag Geschmackssache sein, und darüber sollte man nicht streiten. Überhaupt gar nicht die Wahl zu haben, halte ich aber für einen beklagenswerten Zustand.

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  1. »Auch wenn die Anforderungen bei Romanen und Kurzgeschichten andere sind […], so denke ich, dass die Beschränkungen kürzerer Erzählungen helfen, das erzählerische Werkzeug auch für längere Texte zu verfeinern.«

    Das halte ich für einen sehr guten Gedanken. Sich bei einer Story auf das Wesentliche zu konzentrieren, lernt man nur über Kurzgeschichten. Wenn man 400 Seiten Platz hat, achtet keiner mehr darauf, was für die Handlung wichtig ist und was nicht.

    Kurzgeschichten sind das Bootcamp des Autors erzählerisch dichter Romane!

    • CS

      Das gilt in so vielem – nicht nur für Handlungselemente, sondern auch sprachlich. Es kann helfen, den Ausdruck zu schärfen, was nicht zwangsläufig heißen muss, nur kurz und knapp zu schreiben, aber es zwingt dazu, genauer über die verwendete Sprache nachzudenken.
      Ich will nicht wieder mit irgendwelchen Regeln anfangen, denn das ist immer so eine Sache… Aber zu üben, sich präzise und „schlank“ auszudrücken, schadet nie, auch wenn man später bewusst diese „Regeln“ bricht.

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