Carsten Schmitt

It was a sharp and thorny night

When We Were Shortstoryless

Eine deutsche Science-Fiction-Autorin wird in LOCUS geehrt… und keiner kriegt’s mit.
Zu Beginn eines jeden Jahres veröffentlicht die US-Fachzeitschrift Locus Magazine eine ausfĂŒhrliche Liste mit Empfehlungen der lesenswertesten BĂŒcher, ErzĂ€hlungen und Sachtexte des Phantastischen Genres.
Dieses Jahr hat es Simone Heller auf die LOCUS Recommended Reading List 2018 geschafft, und zwar mit ihrer ErzĂ€hlung „When We Were Starless“ , die in Clarkesworld Magazine und damit in einer der angesagtesten Zeitschriften fĂŒr spekulative Literatur ĂŒberhaupt erschienen ist.
Das ist eine verdammt tolle Sache und ich freue mich fĂŒr Simone Heller, die als Nicht-Muttersprachlerin mit TAOS TOOLBOX und VIABLE PARADISE auch zwei bekannte Schreibworkshops in den USA absolviert hat.

Gleichzeitig wirft das aber auch ein Licht auf den desaströsen Zustand des Kurzgeschichtenmarkts in Deutschland. Ich frage mich, wie Simone Hellers Story wohl in Deutschland ankommen wĂŒrde. WĂ€re ein Kurd-Laßwitz-Preis drin, oder der Deutsche Science Fiction Preis?
Eine völlig mĂŒĂŸige Frage, denn dafĂŒr mĂŒsste sie ĂŒberhaupt mal hier erscheinen. Nur wo? Wie sollte sie denn in Deutschland ein grĂ¶ĂŸeres Publikum erreichen?
Ich weiß von mindestens zwei professionell tĂ€tigen deutschen Genre-Autoren, die klar sagen, dass sie sich mit Kurzgeschichten nicht abgeben, weil es sich nicht lohne. Jetzt mag man gegen die bösen Lohnschreiber wettern, die sich weigern „fĂŒr die Kunst“ zu leiden. Sicher, wer schreibt, tut dies in erster Linie aus Spaß an der Arbeit, denn reich wird man entgegen der landlĂ€ufigen Meinung damit so gut wie nie. Aber auch KĂŒnstler möchten gerne mal essen, die Heizung anschalten, oder Benzin in den Tank des Autos laufen lassen.
Mir fallen in Deutschland ganze zwei Möglichkeiten ein, wo man mit SF/F-Kurzgeschichten ein nennenswertes Honorar verdienen kann (Namentlich sind das die Stories in der Computerzeitschrift c’t und die Stellaris-Geschichten als Beilage zu Perry Rhodan. Beide sind aber thematisch recht fokussiert.) Woran liegt das? Sind die Lesegewohnheiten hier wirklich so anders? Denn hört man den Verlegern zu, verkaufen sich Anthologien praktisch gar nicht, und selbst kostenlose Angebote im Web laufen nicht besonders gut.
So bleiben denn die Zeitschriften und Geschichtensammlungen meist das Metier von Klein- und Fanverlagen–mit viel Herzblut gemacht, aber letztlich ohne große Resonanz.
Gehen bei uns wirklich nur telefonbuchdicke, mehrbĂ€ndige Zyklen?(„Telefonbuch, das“: Kinder, fragt Eure Eltern) Und wenn ja, warum? Ich habe keine Antwort darauf, nicht mal eine halbwegs fundierte Vermutung. Ich glaube aber, dass uns damit etwas fehlt. Im anglo-amerikanischen Raum zĂ€hlt es nach wie vor zum normalen Werdegang eines Autors, sich die Sporen mit kĂŒrzeren Texten zu verdienen. Auch wenn die Anforderungen bei Romanen und Kurzgeschichten andere sind, der Vergleich also hinkt, so denke ich, dass die BeschrĂ€nkungen kĂŒrzerer ErzĂ€hlungen helfen, das erzĂ€hlerische Werkzeug auch fĂŒr lĂ€ngere Texte zu verfeinern.
Ob man lieber Kurzgeschichten und ErzĂ€hlungen oder dicke Romane liest (oder schreibt), mag Geschmackssache sein, und darĂŒber sollte man nicht streiten. Überhaupt gar nicht die Wahl zu haben, halte ich aber fĂŒr einen beklagenswerten Zustand.

ZurĂŒck

Im MĂ€rz wird es kriminell phantastisch

  1. »Auch wenn die Anforderungen bei Romanen und Kurzgeschichten andere sind […], so denke ich, dass die BeschrĂ€nkungen kĂŒrzerer ErzĂ€hlungen helfen, das erzĂ€hlerische Werkzeug auch fĂŒr lĂ€ngere Texte zu verfeinern.«

    Das halte ich fĂŒr einen sehr guten Gedanken. Sich bei einer Story auf das Wesentliche zu konzentrieren, lernt man nur ĂŒber Kurzgeschichten. Wenn man 400 Seiten Platz hat, achtet keiner mehr darauf, was fĂŒr die Handlung wichtig ist und was nicht.

    Kurzgeschichten sind das Bootcamp des Autors erzÀhlerisch dichter Romane!

  2. Deutsche SF-Kurzgeschichten erscheinen auch alle zwei Monate in Spektrum der Wissenschaft – und werden ordentlich honoriert.

    • CS

      Vielen Dank fĂŒr Deinen Hinweis, Norbert. Ich habe gehört, dass das auf Deine Initiative zurĂŒckgeht und dafĂŒr möchten ich danke sagen! Jedes Bisschen hilft.

  3. Christina

    Zumindest hat jetzt Heise Medien reagiert und bringt zusammen mit dem Hinstorff Verlag die Buchreihe »c’t Stories« heraus.

    Und auch die Zeitschrift »Spektrum der Wissenschaft« veröffentlicht jetzt Science-Fiction-Kurzgeschichten und zwar auf Anraten meines Kollegen Norbert Fiks aus der SOL-Redaktion. Eine der Geschichten »Das Internet der Dinge« von Uwe Hermann wurde 2018 sogar mit dem Kurd Laßwitz Preis 2018 als beste deutschsprachige ErzĂ€hlung und dem Deutschen Science-Fiction-Preis als beste Story 2018 ausgezeichnet.

    Ach, ja, dann gibt es noch das „EXODUS“-Magazin.

    Aber Du hast schon Recht kein namhafter Verlag traut sich an Kurzgeschichten. Die trauen sich aber auch nicht anderes zu veröffentlichen, als Mainstream. Leider! Dabei sind Kurzgeschichten ideal, bei der immer kĂŒrzer werdenden Auffassungsgabe in der Bevölkerung.

    • CS

      Hallo Christina,
      Norbert Fiks hat bereits reagiert, und ich muss sagen, ich finde diese erfolgreiche Initiative klasse! Jedes bisschen hilft. 😉
      Ich möchte auch die Anstrengungen von Publikationen wie Exodus ĂŒberhaupt nicht kleinreden. Wie gesagt, das steckt oft verdammt viel Herzblut drin. Doch auch Exodus bleibt halt eher ein Fanzine, soweit ich das weiß.
      Was die Verlage und ihre Anthologien angeht, so hatte ich kĂŒrzlich eine interessante E-Mail-Konversation, die meine Annahmen bestĂ€tigt. Wer BĂŒcher machen kann, kann sie nicht immer gut vermarkten. Aber dazu mehr in einem anderen Beitrag.

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